soziokultur

Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultureller Zentren NW e.V.

Jugendkulturen

23.4.2002 > Britta Mischer am 15.3.2002 in Köln:

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich heiße Britta Mischer, wohne in Berlin und bin 30 Jahre alt. Ich bin Kommunikationsdesignerin und Autorin.

Dazu bin ich seit 18 Jahren professionelle Jüngere.

Das heißt, dass ich seit meiner eigenen frühesten jugendlichen Blüte mit Leidenschaft jugendkulturelle und subkulturelle Strömungen beobachte und selber an einigen teilgehabt habe.


Ich wurde zu dieser Veranstaltung eingeladen, weil ich ein Buch gemacht habe mit dem Titel "Die Jüngeren - Mitschnitte aus dem Leben der 13 bis 30 Jährigen", was ich Ihnen zunächst kurz vorstellen möchte.

"Generation X", "Generation Y", "Generation @", Generation Golf" ... es gibt viele Schubladen für die "Jugend von heute". Aber wer sind sie eigentlich, "Die Jüngeren", die zwischen 13- und 30-JÖhrigen?

"Was ist Dein größter Traum?", "Wen oder was liebst Du?", "An wen oder was glaubst du?", "Nimmst du Drogen?", "Bist Du politisch?", "Wie sieht wohl die Zukunft aus?"

Diese und andere Fragen stellte ich etwa 150 jungen Menschen.

Aus den Antworten, visuellen Eindrücken und Erlebnissen habe ich ein Lese- und Bilderbuch gemacht. Text und Bild gehen Hand in Hand. Die Wünsche, Träume und Leidenschaften der Befragten sind mit digitalen Collagen und Fotos illustriert.

Das Buch unterscheidet sich stark von den bereits erschienenen Büchern zum Thema Jugend. Es versucht keine soziologische Einordnung und enthält sich jeglichen Kommentars. Der Blickwinkel ist ein anderer: Er richtet sich auf das Leben des einzelnen Menschen und lässt durch das Nebeneinander vieler kleiner Einzelwelten eine etwas größere Welt entstehen. Das Buch gibt dem Betrachter und Leser einen Einblick in das Treiben der Jüngeren. Hierzu lasse ich die Jugendlichen selbst zu Wort kommen, sie sollen sagen, was sie mögen, denken und hoffen. "Die Jüngeren - Mitschnitte aus dem Leben der 13- bis 30-jÖhrigen" ist eine Sammlung von individuellen Ansichten und Antworten. Und alle diese Auffassungen stehen gleichberechtigt nebeneinander.

Gefunden habe ich die jungen Leute in besetzten Häusern, in Kaufhausabteilungen von Computerspielen, auf Death Metal-Konzerten, in Schulen, vor Hinterausgängen von Konzerthallen, in denen gerade Boygroups spielten, an Skate-Spots, auf Goa-Partys, Hip Hop Jams oder einfach auf der Straße.

Ich möchte Ihnen nun einige Jüngere vorstellen und habe die Fragen und Antworten herausgesucht, die für das Thema "Soziokulturelle Zentren im Zukunftsdiskurs" relevant sein könnten.

Nik ist 21 Jahre alt und Mod. Mod ist eine Jugendbewegung die ihre Hauptzeit in den 60er Jahren hatte. Sie kennen vielleicht den Film Quadrophenia und die Band "The Who". Enge Anzüge, Parker, korrekt geschnittene Frisuren, Motorroller gehören zu den Markenzeichen.

Hast Du einen Traum ein Ziel, frage ich Nik.

"Aus meinem Leben eine Kunst zu machen, groß rauszukommen mit meinem Leben. Selbstinszenierung.

Bist Du politisch?

Früher war ich politischer, aber ich habe es aufgegeben. Ich kann auch dieses linke Gequatsche oder dieses unter dem Vorzeichen linke Gequatsche nicht hören. Das, was gerne von den Autonomen betrieben wird und zu nichts führt. Das ist doch nur ein Rumgerede mit den gleichen Leuten. Das ist meine Erfahrung.

Christian ist 30 Jahre alt und Skinhead. Kein Naziskinhead, sondern ein Skinhead aus der alten Schule. Ich frage ihn nach seinem größten Traum, Wunsch, Ziel.

"Ich möchte in meiner Nische einen Job finden. Es hat sich mittlerweile eine richtige Infrastruktur um den Kult gebildet, es gibt Plattenlabel, Fanzines, Musiker, Festivals, Klamotten. Dort möchte ich mich weiter einnisten und meinen Weg finden."

Sarah und Clara sind 16 und 17 Jahre alt. Sie erzählen:

"Wir veranstalten immer Partys in einem Raum von den Pfadfindern. Wir ziehen dann alle 70er Jahre Klamotten an und tanzen zu "The Doors" und "Led Zeppelin". Wir haben auch schon eine eigene Lichtanlage.

Das hätte ich gar nicht erwartet und deshalb frage nach, ob nicht fast alle Jugendlichen in dem Alter Hip Hop hören werden.

"Nein, viele Leute sagen zwar, "das ist aber scheiß Oldie-Musik", wenn sie dann aber auf unsere Partys kommen, finden sie es immer ganz toll und klinken sich ganz schnell in unsere Clique ein."

Hans Jörg ist 27 Jahre alt. Ich frage ihn an was er glaubt.

"Ich glaube an die Nischen. Eine Nische finden, heißt sich selbst versorgen zu können, ohne mit seiner inneren Einstellung zu brechen. Es heißt sich nicht zu verkaufen. Nischen sind wichtig, weil die gesellschaftliche Entwicklung einer Schnellstraße gleicht, immer gerader und immer schneller." Auf die Frage nach seiner politischen Überzeugung entgegnet er, dass eine übergeordnete Politik viel zu festgefahren ist und nur Politik aus kleinen Gruppen fruchtbar sein kann.

Andrea ist 16 Jahre alt und möchte gerne ein ganz fettes Woodstockfestival in Basel organisieren.

Eine andere Andrea möchte gern malen oder schreiben und der Welt damit einen Fußstapfen hinterlassen. Sie bemängelt, dass es so wenig Räume für all die jungen kreativen Menschen gibt, die kein Geld haben, sich weiterzubilden, sodass ihr Talent verkümmern muss.

Timo ist 21 Jahre alt hat früher in einer Punkband gespielt und versucht jetzt das Handgemachte mit elektronischen Beates zu verbinden. Auf die Frage, ob er politisch ist antwortet er: "Früher habe ich bei einer antifaschistischen Aktion mitgemacht. In unseren Infobroschüren wollten wir die ganze Welt verbessern. Ich habe versucht gegen etwas anzukämpfen, habe aber eigentlich nur gegen mich selber gekämpft. Jetzt möchte ich eigentlich nur mein Leben leben und dabei niemanden stören. Von mir aus kann jeder machen, was er will. Klar ist, und so ist unser gesamter Freundeskreis gestrickt, dass wir keinem Ausländer auf den Kant steigen, keine Atomversuche abstarten und Krieg ablehnen, dazu kommt der Gedanke naturbewusster zu leben, das kommt durch die Goapartys zu denen ich fahre.

Carmen sagt auf die Frage, was sie schon immer der Welt sagen wollte: Nimm dein Leben in deine eigene Hand. Do it yourself. Mache Deine eigene Disco. Lass nicht andere Leute Dein Leben organisieren. Du hast die besten Ideen und weißt, was Du willst und magst und nicht die anderen.

Holger ist 16 Jahre alt und möchte eine Band aufmachen. Er spielt zwar kein Instrument, aber seine Kumpels, er würde dann das Rappen Übernehmen.

Bei meiner Recherche ist mir aufgefallen, dass sich Jüngere zwar noch in Gruppen einordnen sich selber als Skinhead, Mod oder Hip Hoper bezeichnen, jedoch der Großteil besonders viel wert auf seine Individualität und Einzigartigkeit legt und sich von Einordnungen und Szenenzugehörigkeiten distanziert.

So kann man schon von einer Tendenz sprechen: Jeder ist seine eigene kleine Jugendkultur. Viele Jugendliche mischen verschiedene Stile, was es in den 80er Jahren noch gar nicht gab. So gibt es Leute die sich einen Irokesenschnitt schneiden, dazu einen Anzug tragen, Skateboard fahren, Techno, Jazz und Rock hören. Zudem kommt eine gewisse Endzeitstimmung. Viele der Befragten sehen wie wenig auf parteipolitischer Ebene funktioniert und bewegt werden kann, denken, dass durch die Globalisierung eh nur noch ein paar fette Wirtschaftskonzerne die Macht haben werden. Sehen die zunehmende Umweltverschmutzung, haben Angst vor Terror und Krieg. Viele haben deshalb die Meinung, "ich kann sowieso nichts mehr ändern, selbst wenn ich Bundeskanzler wäre, deshalb kümmere ich mich jetzt um meinen eigenen Scheiß, um meine Karriere, um meine Freunde.

Ich trenne meinen Müll, versuche niemanden zu schaden, aber mehr kann ich nicht tun und deshalb versuche ich wenigstens mein Leben glücklich einzurichten und mich selbst zu verwirklichen."

Wie Sie anhand der Auszüge aus den Interviews erkennen können, ist der Wunsch nach Selbstverwirklichung unter den Jugendlichen sehr groß. Jeder möchte seinen eigenen Stil finden, möchte sich damit von den anderen unterscheiden, sich nicht in bereits vorgegebene Strukturen eingliedern. Sie möchten einen eigenen Raum für sich, eine individuelle Nische besetzen.

Viele der Befragten Üben sich als DJ, singen in Bands, nehmen Tanzunterricht, malen, schreiben oder schauspielern.

Durch den Medienboom in den Neunziger Jahre, durch Sendungen wie "Big Brother" oder "Teenstar" wurde wahrscheinlich vielen jungen Leuten das Gefühl vermittelt eine reelle Chance zu haben mit seiner Persönlichkeit und seinen Fähigkeiten groß raus kommen zu können.

Der Berufswunsch Popstar, Designer, Filmemacher oder irgendwas beim Fernsehen wird sehr häufig geäußert. Einige haben sich bereits ein kleines Heimstudio eingerichtet, manche nehmen teuren Schauspielunterricht, doch die meisten träumen nur von dem tollen Akai-Sampler, dem Computer mit Logic oder der Videokamera.

Wenn man den Bedürfnissen der Jugendlichen gerecht werden will, bedeutet das für soziokulterelle Zentren ihnen diese Räume zur Selbstverwirklichung zur Verfügung zu stellen.

Das Bereitstellen von Freiräumen reicht allein jedoch nicht. Man muss noch einen weiteren Gesichtspunkt berücksichtigen. Wie erfahren die jungen Leute von diesen Räumen, wie wird ihr Interesse geweckt und wie ihr Vertrauen?

Bevor ich diesen Vortrag erarbeitet habe, habe ich natürlich recherchiert, was die Soziokulturellen Zentren in Berlins so anbieten. So habe ich beispielsweise herausgefunden, dass das Acud ein Tonstudio besitzt, dass man nutzen kann. Auch das Pfefferwerk bietet jungen Leuten, leider nur bis Anfang 20, die Möglichkeit preiswert an Computerworkshops teilzunehmen.

Bei einer Umfrage unter meinen Bekannten waren alle von den Angeboten begeistert, jedoch hatte niemand bislang davon gehört.

Natürlich könnte man ihnen jetzt den Vorwurf machen: Selber Schuld, Du musst doch nur einmal im Internet gucken, da findest Du die Angebote.

Leider ist da niemand meiner Bekannten bisher drauf gekommen. Viele sitzen zuhause und rödeln vor sich hin, wenn sie die Angebote beispielsweise des Acuds nutzen, dann sind es Konzerte oder Partys, auf die sie in den Stadtmagazinen hingewiesen wurden.

Auf den Konzerten oder Partys wurden sie bislang nie auf die anderen Angebote des Hauses aufmerksam gemacht.

Zu der Unkenntnis kommt, dass viele junge Leute erzählen, auch eine gewisse Hemmschwelle zu haben, offene Kursangebote wie Siebdruck, Schweißen für Frauen oder Grundkurs in HTML zu besuchen.

Vielleicht liegt diese Angst in der zunehmenden Individualisierung der Gesellschaft, dem RÜckzug ins Private und dem damit verbundenen Verlernen des Miteinanders begründet.

Vielleicht ist es heutzutage deshalb für die soziokulturellen Zentren wichtig, wo wir eh und besonders die Jüngeren mit Angeboten und Bildern Überflutet werden, sich ein Konzept zu Überlegen, wie die vielen Individuen erreicht werden können und dazu bewegt ein soziokulturelles Zentrum aufzusuchen, um sich in ihm auszuleben oder sich gar für es zu engagieren.

Mein Vorschlag wie man junge Leute besser erreicht wäre zum Beispiel in jedem Zentrum ein Buch auszulegen, in das alle Besucher ihre E-Mail-Adresse eintragen, um in einen Verteiler aufgenommen zu werden. Dieses Direct Mailing ist günstig, einfach und effektiv und wird erfahrungsgemäß sehr gerne angenommen.

In die Mail könnte auch ein Link auf die Home Page gelegt werden, wo die Besucher Wünsche für neue Kursangebote oder Veranstaltungen Äußern können.

Falls es noch keine Home Page gibt oder diese unansprechend und unmodern wirkt könnte man sich an eine Fachhochschule für Gestaltung wenden, und sich eine junge, hippe Seite gestalten lassen. Dazu könnten auch Flyer und Plakate entworfen werden, die für die soziokulturellen Zentren werben. Nicht nur dafür die jungen Leute als Besucher für Veranstaltungen zu gewinnen, sondern auch sie dazu aufzurufen aktiv mitzugestalten. Diese Werbung sollte nicht nur in den soziokulturellen Zentren an sich aushängen, sondern sollte auch an Schulen und Universitäten weitergeleitet werden.

Anhand der Auszüge aus den Interviews, die ich Ihnen eben vorgestellt habe ist klar erkennbar, wie groß der Wunsch unter den Jüngeren ist, sich kreativ auszudrücken . Vielen fehlt jedoch der Raum dazu. Wenn die Jüngeren also wüssten, dass es freie Räume für sie gibt, die sie gestalten und nutzen können, würden sie das auch tun. Ich kenne viele junge Leute die auf der Suche danach sind.

Es müsste ihnen dort die Möglichkeit gegeben werden sich selbstständig und frei darin entfalten zu können. Ohne vorgefertigte Angebote von oben, ohne Pädagoge mit Jugendprogramm in der Tasche. Vielleicht würde daraus ein Breakdance-Kurs entstehen, ein Kickerclub, eine Netzwerkparty, ein open mic für Rapper, eine Splatterfilm-Gruppe oder eine Elektroparty.

Erreicht man den Einzelnen Jüngeren nicht direkt, ist es wichtig Leute zu mobilisieren, die sich in ihrer Szene besonders gut auskennen, Bescheid wissen, welcher DJ beispielsweise welche Leute zieht. Ein Ska-Allnighter, der von jemanden organisiert wird, der keine Verbindungen zur Skinhead- und Rude-Boy-Szene hat wird bestimmt einen Reinfall landen.

Eine Freundin erzählte mir vom Überschall-Festival, das der Schlachthof Bremen einmal jährlich in Kooperation mit einem Plattenladen organisiert. Der Plattenladeninhaber kennt sich aus in der Musikszene, bucht deshalb die richtigen Bands, das Festival ist das Event des Jahres.

Thomas auch ein Vertreter aus "Die Jüngeren" ist Spraydosenfachverkäufer. Alle Sprayer Hamburgs kaufen bei ihm. Dazu verkauft er noch Hip Hop Platten und Hip Hop-Bücher. Er kennt sich aus in der Szene, ist freundlich und engagiert. Er würde bestimmt einen tollen Jam organisieren mit Live-Sprayern, Breakdancern und MCs

Ich könnte mir auch gut vorstellen, dass es möglich wäre "Szene-Prominenz" als Schirmherren für eine Veranstaltung zu gewinnen. Natürlich keine Superstar, sondern eher semiprominente Musiker wie Miss Kittin, Sportfreunde Stiller, Paula oder Fettes Brot. Sie haben oft noch nicht den Bezug zu ihren Wurzeln verloren und würden vielleicht auch mal umsonst spielen, um einen Solibeitrag für eine neue Jugendinitiative zu leisten.

Jetzt am Sonntag gehe ich ins Acud. Die Veranstalter des Acuds hatten Steffen, einen Architekurstudenten angesprochen, ob er nicht mal Partys organisieren möchte. Steffen veranstaltet seit einem Jahr aus Eigeninitiative monatlich Partys an den ungewöhnlichsten Orten Berlins, in verlassenen Kellern, in Kirchen auf Grünstreifen von Schnellstraßen. Er hat mittlerweile eine große und treue Feier-Familie um sich gescharrt. Jetzt wurde ihm der Raum im Acud angeboten. Dort gibt es eine Bar, eine Anlage, er muss nur 100 Euro Miete zahlen. Ich weiß jetzt schon, dass die Party gut wird, dass ausgelassen gefeiert wird und er sich bestimmt ein paar originelle Deko-Ideen hat einfallen lassen.

Die Räumlichkeiten dort haben Charme, die Bar ist selbstgebaut, alte Oma-Sofas stehen herum, von den Wänden blättert die Farbe. Von außen ist das Haus bemalt. Die jungen Leute fühlen sich wohl hier. Es ist immer gut besucht.

Es ist das, was Berlin und auch viele andere Städte ausmacht. Die leicht heruntergekommenen, oftmals früher besetzten Häuser, die alte Bausubstanz, das Improvisierte, hier hat man das Gefühl, dass Kultur wirklich passiert, dass man ein Teil davon ist. Nun soll das Akut saniert werden. Auf Anfrage wurde mir gesagt, das Theater soll erweitert und die Toiletten erneuert werden. Hoffentlich. Hoffentlich wird nicht die Fassade gestrichen die selbstgebaute Theke durch ein Designer Modell und die Oma-Sofas durch Bistro-Stühle ersetzt. Denn dann kommt keiner mehr von den Jungen. Vielleicht kommen dann die zahlungskräftigeren Älteren zur Vernissage und trinken Champus, wie in der Kulturbrauerei, die nach der Sanierung sauber, ordentlich aber verlassen und leblos da rumsteht. Ich kenne niemanden, der dort eine Veranstaltung besucht.

Künstlich geschaffenen Kulturwelten fehlt die Seele.

Das ist die Meinung vieler junger Leute, die ich zum Thema befragt habe. Und besonders in Berlin ein heißer Gesprächsstoff unter den jungen Leuten:

"Warum müssen all die schönen Orte, die alten Fabriken, an denen Kultur passiert so glatt und kaputt saniert werden? Warum werden uns unsere Räume genommen?" Aber ich habe diese Stimmen auch schon aus anderen Städten gehört.

Gestern habe ich mit einem Herrn vom Pfefferwerk gesprochen. Der gesamte Pfefferberg ist bereits geschlossen, die Sanierung steht auch hier an. Man ist sich der Gefahr durchaus, dass durch die Sanierung, die Millionen kostet, ein anderes Publikum kommen könnte. Natürlich werden die Mieten teurer und durch diese Verteuerung werden natürlich auch auf die Getränke und Eintrittspreise teurer. Man wisse nicht wie es ausgeht, aber vielleicht kommen ja doch die alten wieder und dazu noch neue Besucher. Man will natürlich nicht so enden wie die Kulturbrauerei, aber die Substanz ist alt und muss erneuert werden.

Aber warum kann nicht sanft saniert werden? Warum muss gleich ein renommiertes Architektenbüro ans Werk, dass gleich noch ein paar schicke Wohnlofts mit anbaut?

Sie kennen doch sicherlich das Kulturzentrum Rote Flora in Hamburg. Das ehemals besetzte Theater , veranstaltet regelmäßig Bauwochenenden. Alle sollen Hammer, Nagel und Holz mitbringen und dann wird gemeinsam renoviert.

Gibt es nicht eine Zwischenlösung?

Ich glaube das Bestreben vieler Kulturzentren möglichst viele Schichten, Altersgruppen und kulturelle Angebote unter ein Dach zu bringen funktioniert nur selten. Die Jüngeren möchten ihre Partys und Veranstaltungen nicht in Räumen abhalten die aussehen wie die eines Gemeindehauses. Sie mögen es lieber etwas bunter, dreckiger, kaputter, verwinkelter und wilder. Sie stehen nicht so auf lichte große Räume mit Stahl und Glas.

Deshalb wäre ein wichtiger Auftrag für den Verein Soziokultureller Zentren diese Einrichtungen zu unterstützen. und sich für sie stark zu machen, damit solche bunten, wenn auch etwas heruntergekommenen Orte als Oasen für junge Leute in einer glatt geleckten Stadt erhalten bleiben.

Ein weiterer Auftrag für den Verein Soziokultureller Zentren muss sein, dass bei der Gestaltung dieser und aller anderen Oasen die Perspektive der Jugendlichen berücksichtigt wird, indem man sie an Planung, Entscheidung, Design und Angebot teilhaben lässt.

(Eine Dame hat während der Tagung bemängelt, dass sie langsam zu alt wäre, die ganze Nacht bei den Tanzveranstaltungen hinter der Theke zu stehen, sie kann ja auch die jungen Leute Theke machen lassen. Junge Leute stehen aber nunmal auf Diskos und es ist doch auch nicht verwerflich, dass die Zentren damit ihre Haupteinnahmequelle haben. Die Diskos müssen ja auch nicht mainstreammäßige Musik wie Eurodance spielen, es gibt so viele talentierte Djs mit hohem kulturellem Anspruch, die nur darauf warten einmal gebucht zu werden. Auch das Problem des Alkoholausschanks während "unter dem Dach, Drogenberatung betrieben wird" finde ich nicht sachgemäß. Dass unter den Jugendlichen alle Art von Drogen konsumiert wird ist einfach Fakt. Ich meine auch, dass 80% damit umgehen Können oder zumindest selber dafür verantwortlich sind, wie sie sich ihre Glücksgefühle beschaffen. ich finde jedoch nicht das ihr Konsum etwas mit einer Drogenberatung für Heroinabhängige oder anonyme Alkoholiker zu tun hat. Außerdem gibt es ja auch Infobroschüren, die die Jugendlichen behutsam darauf hinweisen, dass zu viele Drogen, die Persönlichkeitsstruktur verändern können.)

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