soziokultur

Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultureller Zentren NW e.V.

Eröffnung der Tagung "Soziokultur" 15. März 2002 in Köln

3.4.2002 > Rede von Herrn Minister Dr. Michael Vesper:

Rede von Herrn Minister Dr. Michael Vesper anlässlich der Eröffnung der Tagung "Soziokultur" 15. März 2002 in Köln

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Sie wissen vielleicht, dass ich sehr fußballbegeistert bin. Da sind Heimspiele immer mit einem besonderen Reiz verbunden. Ich fühle mich heute bei Ihnen fast wie bei einem Heimspiel. Nicht nur, weil ich jetzt in Köln wohne und wir in der Alten Feuerwache tagen. Meine Heimat-Gefühle haben noch andere Gründe. Ich gehöre derselben Generation an wie die meisten von Ihnen, ich bin auch in einer ähnlichen "politischen Ecke" sozialisiert worden.

Deshalb ist mir die Soziokultur alles andere als fremd, ich kenne die meisten der soziokulturellen Zentren seit Jahren, auch von etlichen Veranstaltungen der Grünen.

Ich habe Ihre Einladung daher gerne angenommen, um mit Ihnen gemeinsam Bilanz zu ziehen und in die Zukunft zu blicken. Bei der Vorbereitung auf meine Rede musste ich das ein oder andere Mal schmunzeln. Manches kam mir sehr bekannt vor, z.B. die Zielbeschreibung der Zentren aus der Anfangszeit der Soziokultur. Man wollte:"Konflikte lösen oder Konflikte auslösen". So zu lesen, in einer Broschüre der LAG Soziokultur von 1990, die von (den auch heute anwesenden) Jörg Stüdemann, Rainer Bode und Gerd Spieckermann, herausgegeben wurde.

Heute im Jahr 2002 steht bei der Arbeit der sozio-kulturellen Zentren eindeutig das "Konflikte lösen" im Vordergrund, das "Konflikte auslösen" eher im Hintergrund. Spricht das dafür, dass die Zentren in die "Jahre gekommen" sind, dass ihnen die Ziele und das oppositionelle Potential abhanden gekommen sind ? Haben die Zentren noch wie früher ihr Ohr am Puls der Zeit? Repräsentieren sie noch jugendkulturelle Strömungen wie in der Gründungszeit vor 30 Jahren? Schließlich: Was erwartet eigentlich die Landeskulturpolitik von der Soziokultur?

Gestatten Sie mir einen leicht nostalgischen Blick zurück auf die Zeit vor 30 Jahren. Es war die Zeit des gesellschaftlichen Aufbruchs, des Infragestellens eingefahrener Verhältnisse in allen Bereichen und einer Neuentdeckung des selbstorganisierten politischen Handelns. Es war eine spannende Zeit, die die Soziokultur hervorgebracht hat.

Damals wurde 1972 in Oberhausen mit dem K14 das erste sozio-kulturelle Zentrum gegründet, es folgte 1975 die Altstadtschmiede in Recklinghausen. Es waren die neuen sozialen Bewegungen, die als erste den Charme alter Gemäuer entdeckten und sie mit neuem kulturellem Leben füllen wollten. Es ist also längst nicht alles neu, was die RuhrTriennale jetzt vorhat. Die Umnutzung alter Industriegebäude ist ein großer Verdienst der Soziokultur. Heute machen wir Kultur in Zechen, Straßenbahndepots, Ringlokschuppen, Zinkfabriken, Kasernen, Bunkern, Brauereien, Bahnhöfen, Schwimmbäder und Lagerhallen. Fast die Hälfte der so erhaltenen Gebäude steht inzwischen unter Denkmalschutz.

Die damalige Bewegung wollte aber nicht nur den Charme alter Gebäude retten. Sie hatte weitergehende kulturelle und politische Ziele. Sie kritisierte einen auf das "Wahre, Hehre und Schöne" verengten bildungsbürgerlichen Kulturbegriff. Wir wollten die Angebote von Kunst und Kultur auch für jene Bevölkerungsschichten öffnen, die vom damaligen etablierten Kulturangebot nicht erreicht wurden. Zugangsbarrieren zu den "Musentempeln" sollten fallen. "Kultur für Alle" war die Formel. Die Gesellschaft sollte verändert und umfassend demokratisiert werden. Kulturelle Angebote sollten speziell die benachteiligten Gruppen erreichen, die kulturelle Bildung von Kindern und Jugendlichen war ein zentrales Anliegen.

Auch hier ist die Bilanz der Soziokultur beeindruckend. Sie ist eine wahre Erfolgsstory. Der erweiterte Kulturbegriff hat sich längst überall durchgesetzt. Eigentlich wäre inzwischen das sperrige "Sozio" vor dem Wort Kultur fast sogar überflüssig.

Ganze Generationen von Nachwuchskünstlern haben in den soziokulturellen Zentren Auftrittsmöglichkeiten gefunden. Viele Musiker und Kabarettisten, wie z.B. Helge Schneider, Thomas Freitag und Matthias Richling haben dort ihre Karriere begonnen. Das Angebot an soziokulturellen Zentren ist inzwischen flächendeckend, NRW ist dabei mit 65 Zentren die Hochburg der Szene. Soziokulturelle Zentren sind mittelständische Betriebe mit mehr als Hundert Beschäftigten. Der Gesamtumsatz der Zentren beträgt jährlich circa 160 Millionen Euro mit fast 10.000 hauptamtlich Beschäftigten. Die Zentren verzeichnen bundesweit über 22 Millionen Besucher jährlich, die meisten davon unter 30 Jahren.

Besonders auffällig ist die Wirkung auf die etablierte Kulturszene. Die Grenzen zwischen freier Szene und sogenannter etablierter Kunst sind heute fließend. Sie beeinflussen und ergänzen sich gegenseitig. Heute arbeiten traditionelle Theater, Museen und Galerien mit der Soziokulturszene zusammen.

Eine Auswertung aktueller Zahlen zeigt aber gleichzeitig, dass die Zentren ihr Zielpublikum nicht aus den Augen verloren haben; denn 75% aller Zentren haben spezielle Angebote für Kinder, 69% spezielle Angebote für Jugendliche. Es wird nach wie vor ein junges Publikum erreicht, 36% aller Besucherinnen und Besucher sind maximal 20 Jahre alt. Und 31% der Mitgliedseinrichtungen der BAG Soziokultureller Zentren haben spezielle Angebote für Migrantinnen und Migranten.

Nach wie vor sind Soziokulturelle Zentren gesellschaftliche Drehscheiben. Sie verbinden soziale mit kulturellen Aufgaben, vermitteln zwischen Subkultur und etablierter Kultur und zwischen Kulturmachern und Kulturverwaltern. Mit ihren kommunikativen Netzwerken leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Lebensqualität in unseren Städten. Sie tragen dazu bei, dass in den Stadtteilen und Wohnvierteln die Voraussetzungen für das soziale Miteinander und zur Lebensbewältigung verbessert werden. Sie bieten Freiräume für diskriminierte Minderheiten.

Auch wenn die Bilanz insgesamt so überaus positiv ausfällt, ist es richtig und wichtig, eine Tagung wie heute durchzuführen. Jede Bewegung, die von dem utopischen Potential einer Generation bzw. ihrer Vertreterinnen lebt, verliert mit der Zeit ihre Dynamik. Sie büßt an Erneuerungskraft ein, wenn sie sich nicht reflexiv verhält. Sie müssen sich dem unausweichlichen Prozess der Alterung ihrer Protagonisten, Symbole und Verfahren stellen und für neue Ideen und Akteure öffnen. Nach 30 Jahren ist es höchste Zeit, eine Art Generalinventur vorzunehmen, um auszuschließen, dass Ballast mitgeschleppt wird, der nicht mehr zeitgemäß ist. Und es ist Zeit, festzustellen, ob die grundsätzliche Entwicklungsrichtung überhaupt noch stimmt. Denn auch wenn die hohen Besucherzahlen auf eine große Akzeptanz der Zentren hindeuten, könnte es strukturelle Probleme geben, die einer gründlichen Analyse bedürfen.

Dabei sind vorrangig nicht die betriebswirtschaftlichen und personellen Probleme der Zentren gemeint. Ich erinnere an die Stichworte "hoher Anteil ehrenamtlicher Mitarbeiter", "prekäre Einnahmenseite", "mangelhafte institutionelle Förderung". Gemeint sind vielmehr diejenigen inhaltlichen Fragen, die sich unmittelbar aus der Erfolgsstory der Zentren selbst ergeben. Was bedeutet es eigentlich, wenn sich das Programm vieler Zentren gar nicht mehr so fundamental von denen anderer Veranstalter unterscheidet? Sind die Zentren heute noch Orte des innergesellschaftlichen Kulturaustausches? Bieten Zentren eine Art "Heimat" in der Stadt? Welche Bedeutung haben sie für die kulturellen Szenen in den Städten? Geben sie ihnen Raum und Gelegenheit zur Selbstdarstellung? Wo ist die spezielle "Marktlücke" im Kulturbetrieb, die die Zentren langfristig besetzen müssen und die auch nur sie besetzen können? Welches Profil insbesondere bei den kulturellen Veranstaltungen sollte angestrebt werden? Wenn es dieses Profil z.B. als neuer Kultur-Ort der avantgardistischen zeitgenössischen Kunst gäbe, könnte es dann überhaupt umgesetzt werden, wenn die Einnahmeseite nach Discos und mainstream-Angeboten zwingend verlangt?

Diese grundsätzlichen Überlegungen und Fragen, die in Ihren Reihen schon länger diskutiert werden, haben dazu geführt, dass mein Ministerium eine Hilfestellung anbietet. Ich habe eine Untersuchung in Auftrag gegeben, die von der Kulturpolitischen Gesellschaft in Zusammenarbeit mit der LAG Soziokultur durchgeführt wird. In der Studie werden die Genese, die Profile und die Perspektiven der soziokulturellen Zentren untersucht. Die heutige Tagung ist Auftakt für diese Studie, die in enger Zusammenarbeit mit den Aktiven in den Zentren durchgeführt wird. Dabei soll es nicht um eine flächendeckende Bestandsaufnahme gehen, sondern um den Versuch einer problemorientierten Analyse, die die Restriktionen und fördernden Voraussetzungen des Projekts "Soziokultur" in den Blick nimmt, um darauf gegebenenfalls kulturpolitisch reagieren zu können. Am Ende der Untersuchung werden im Herbst konkrete Handlungsempfehlungen für die Zentren, für die Kommunen und für das Land stehen.

Ich persönlich habe ein besonderes Interesse an zwei Fragen:

Was können die Zentren in den nächsten Jahren zur Strategieentwicklung des Schwerpunktes "Kunst und Kultur für Kinder und Jugendliche" beitragen und wie sieht ihre Rolle im Rahmen der Interkulturellen Arbeit bzw. des Dialogs der Kulturen in Nordrhein-Westfalen aus?

Sie wissen, dass ich diese beiden Schwerpunkte für die Kulturpolitik des Landes setzen möchte.

Wir wollen neue Vermittlungsformen von Kunst für Kinder und Jugendliche erschließen und die Teilnahme von Kindern und Jugendlichen am kulturellen Leben stärken. Dabei geht es mir um die Förderung von Phantasie, Wahrnehmungsfähigkeit und Gestaltungskraft. Nicht nur weil Kinder und Jugendliche die Kulturnutzer von morgen sind, ist das von so immenser Bedeutung. Ich möchte, dass Kinder und Jugendliche das Leben mitgestalten. Die Auseinandersetzung mit Kunst eröffnet auch Möglichkeiten, den Lebensalltag neu und anders zu sehen.

Ich habe vorhin das Thema Stadtbaukultur angesprochen. Je früher Kinder und Jugendliche die Möglichkeit haben, sich mit ästhetischen Fragen zu beschäftigen - und beim Thema Urbanität geht es auch um die Frage von Schön und Hässlich - desto bewusster werden sie ihren Alltag unter kulturellen Gesichtspunkten betrachten und verändern.

Die hervorragenden Werke der Kunst bilden die Grundlage für ästhetische Bildung. Ich vertrete einen weitgefassten Bildungsbegriff. Ich bin sicher, die Ergebnisse der Pisa-Studie hätten anders ausgesehen, wenn in der Vergangenheit die kulturelle Bildung einen größeren Stellenwert gehabt hätte.

Ich werde die interkulturelle Arbeit stärker fördern.

...,

wir beobachten, dass MigrantInnen am Kulturangebot kaum partizipieren. Es stellt sich also die Frage: Wie müssen sich kulturelle Angebote verändern, wenn in den nächsten Jahren 40% der Bevölkerung in den Städten einen Migrationshintergrund haben ? Welche Stücke und Dramatiker werden eigentlich an unseren Stadttheatern gespielt, wie sieht der Bestand der Bibliotheken aus, wie das Angebot von Jugendmusikschulen?

Aber es geht nicht nur darum, MigrantInnen als Zuschauer und Nutzer anzusprechen.
Im multi-kulturell geprägten Ruhrgebiet etwa oder hier in Köln sollten Migrantinnen mit ihren künstlerischen und kulturellen Ressourcen, mit ihrer Erfahrung aus verschiedenen Kulturen, die sich mischen, überlagern und abgrenzen eine wichtige Rolle spielen.

Doch bisher fördert die öffentliche Hand MigrantInnen als Produzentinnen und Nutzerinnen von Kunst und Kultur kaum. Ich möchte dies ändern, zunächst werden wir eine Bestandsaufnahme durchführen. Uns interessiert:


- Welche Initiativen, Projekte und Festivals gibt es in NRW und speziell im Ruhrgebiet?

- Wo liegen die Räume und Spielorte der Migranten-Kultur ?

- Welche Erfahrungen und Angebote existieren in den einzelnen Städten ?

- Welchen Handlungsbedarf gibt es für das Land ?

Als nächsten Schritt werde ich einen Runden Tisch aus dem Kreis derer, die im Bereich der Interkulturellen Arbeit in NRW sind, einladen.

Sie sehen, es gibt in Zukunft viele neue Berührungspunkte der Landeskulturpolitik und der Soziokultur.

Ich freue mich auf eine spannende Diskussion.

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