soziokultur

Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultureller Zentren NW e.V.

Vortrag und Gespräch

19.3.2002 > Kultur vor dem Kollaps

Literaturbüro Ruhrgebiet e.V. (Gladbeck) & LAG soziokultureller Zentren e.V. (Münster) laden ein:

Vortrag und Gespräch (in deutscher Sprache) mit dem amerikanischen Kulturhistoriker Morris Berman (John Hopkins University, Baltimore) zu seinem Buch:

"Kultur vor dem Kollaps. Wegbereiter Amerika" (Büchergilde Gutenberg 2002)
Moderation: Gerd Herholz, Literaturbüro NRW-Ruhrgebiet & Prof. Dr. Dietmar Haack,
Gerhard-Mercator-Universität, Duisburg

Mittwoch, 8. Mai 2002, 19.30 Uhr
Cubus Kunsthalle, Friedrich-Wilhelm-Str. 64, Duisburg-Mitte
(300 Meter vom Hauptausgang Hauptbahnhof)

Dass auch in Deutschland neoliberal ausgerichtete Unternehmer und Politiker nach dem Sozialabbau nun auch massiv die Demontage von Bildungs- und Kultureinrichtungen betreiben oder billigend in Kauf nehmen, ist nicht neu. Smarte Kulturpolitiker verklären die "Abwicklung" von Kunst- und Kulturförderung zur "Modernisierung".
Statt darüber nachzudenken, wie Politik die Industrie wieder in die gesellschaftliche Verantwortung nehmen könnte, erhöht die Lobby der transnationalen Konzerne den ideologischen Druck auf alle Ebenen der Politik und entzieht gleichzeitig der Demokratie die Finanzierung. Während ein Land wie NRW vier Großunternehmen 1,6 Milliarden Euro Körperschaftssteuer zurückzahlen muss, sollen im Landeshaushalt 1,4 Milliarden Euro an gesetzlich nicht gebundenen Leistungen im Sozial- und Kulturbereich gestrichen werden. "Alles gehört auf den Prüfstand" heißt die hilf- und geistlose Vorwärtsverteidigung von Politikern, die sich selbst keine Alternative übrig gelassen haben, als Kultur und Soziales wegzustreichen, um Steuerausfälle durch Unternehmen zu kompensieren. Und nach welchen Maßstäben wird ‚geprüft'? Nach den betriebswirtschaftlichen Marketing- und Gewinnmaximierungsmodellen von McDonald's? Politik unterwirft die Kunstförderung naiv neoliberalen Marktphantasien statt sich selbstkritisch zu fragen, ob nicht eher Rückfragen der Kunst an die Wirtschaft und Politik auf der Tagesordnung stünden. Flankierend müssen Events und Festivals eine kulturelle Blüte simulieren und so eine ruinöse Politik rechtfertigen, die den "Terror der Ökonomie" (V. Forrester) exekutiert und als Erstes dringend auf den Prüfstand gehörte.

In seinem Buch "Kultur vor dem Kollaps. Wegbereiter Amerika" schildert Morris Berman, wie die Vereinigten Staaten nach Jahren des wirtschaftlichen Wohlstands in ein soziales Chaos driften. Die Kluft zwischen Armen und Reichen, das Verschwinden der Mittelklasse, der Einbruch des Erziehungswesens auf allen Ebenen, sinkende Produktivität und geistige Verarmung sind nach Berman die alarmierenden Anzeichen für einen kulturellen Niedergang.
Berman schreibt: "..., daß auch unsere vielgerühmte amerikanische Energie eher oberflächlich als substantiell ist. Das heißt nicht nur, daß der Wirbel von Aktivität einen Kern der Leere verdeckt, sondern, daß wir eine neue Version des kulturellen Verfalls erleben... Im Fall Amerikas ist diese Phase (...) zu Recht als ‚McWorld' bezeichnet worden - kommerzielles, konzerngesteuertes Konsumdenken als Selbstzweck. ‚Die Einpassung jedes einzelnen in die enge Umarmung durch das multinationale Unterhaltungsmonopol ist der krönende Triumph des Markts über das widerspenstige Bewußtsein der Menschheit. Wir werden keinerlei Distanz zur kommerziellen Kultur erreichen, da wir kein Leben, keine Geschichte, kein Bewußtsein haben, das von ihm distanziert wäre. Die kommerzielle Kultur stellt sich außerhalb unserer Einbildungskraft, weil sie zu unserer Einbildungskraft geworden ist'."

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