von Jochen Molck
Unter dem Motto „Durchatmen. Was kommt, was bleibt, was geht? – Kultur zwischen Innovation, Resilienz und Exnovation“ trafen sich am 9./10. Juni rund 200 Akteur*innen beim Green Culture Festival im Tollhaus Karlsruhe – nach eigenen, selbstbewussten Worten „Europas größtes Fachevent für Zukunftsfähigkeit in Kunst, Kultur, Medien und Kreativgesellschaft“.
Kritische Bestandsaufnahme
Mit dem soziokulturellen Zentrum Tollhaus hatten die Organisator*inne von der Green Culture-Anlaufstelle eine gute Wahl getroffen. Ziel der zwei Tage war ein bewusstes Durchatmen sowie eine kritische Bestandsaufnahme, wie „die“ Kultur in Fragen der Nachhaltigkeit auch in herausfordernden Zeiten künftig handlungsfähig bleiben kann. Dazu gab es ein sehr breites Angebot an Vorträgen, Panels und Workshops. Weil die Arbeit der Anlaufstelle nicht weiter gefördert wird, das Festival hatte den Charakter einer Abschlussveranstaltung.
Große Fragen und gute Beispiele
In dicht getakteten Vorträgen, Panels und Workshops ging es um breit gefächerte Fragen: von „Ist Kultur auf Krise vorbereitet?“ über „Weiterentwicklung von Kreislaufkultur“ bis zur ganz praktischen Frage, wie eine App Publikums-Mobilität erfasst. Viele konkrete Projekte wurden vorgestellt, wie z.B. die Umwandlung von „alten“ Parkplätzen zu „neuen“ Mobilitätsflächen der Zukunft in Wien. Künstlerische Interventionen begleiteten das Festival, beim „Amt für Lassen und Loslassen“ konnte man sich nach ordentlicher Prüfung eine amtliche Bescheinigung mit Stempel abholen, in Zukunft bestimmte Dinge nicht mehr zu tun. Angeboten wurde aber auch ein „Tatenbrunch“, um sich nicht nur über den ökologischen Fußabdruck auszutauschen, sondern den positiven Handabdruck in den Vordergrund zu stellen.
Sichtbare Präsenz der Soziokultur
Die Soziokultur war – nicht nur als Gastgeberin – sichtbar präsent. Ein spannender Rundgang von drei Zentren organisiert (KFZ Marburg, Schlachthof Wiesbaden und Tollhaus Karlsruhe) zeigte, was im Alltag betriebsökologisch machbar ist, wenn jemand koordiniert den Anfang macht: Gleichzeitig wurden aber auch Grenzen deutlich, an denen die Möglichkeiten und auch die Verantwortung des einzelnen Zentrums enden. Während eine Institution für funktionierende Fahrrad-Stellplätze selbst sorgen kann, ist die bessere ÖPNV-Anbindung eher eine übergeordnete kommunale Frage. Auch die von der Stadt gemietete Immobilie lässt sich nicht mal so eben von ein paar Ehrenamtler*innen sanieren. Die eigenfinanzierte PV-Anlage hingegen ist schon eher drin, was das Tollhaus trotz denkmalgeschütztem Altbau anschaulich vorgemacht hat.
„Ich dachte, wir hätten mehr Zeit“
In seinem Vortrag räumte Jacob Bilabel, Leiter der Green Culture-Anlaufstelle, ein: „Ich dachte wir hätten mehr Zeit.“ Nachhaltigkeitsthemen seien global, national und auch auf der Prioritätenliste einzelner Kultureinrichtungen weit nach unten gerutscht, aber keineswegs „auserzählt“. Es fehle schlicht an politischem Willen. In Anlehnung an den Hamburger Kultursenator Carsten Brosda forderte er, man solle „mehr Vertrauen wagen“ und beharrlich weitermachen – wie genau, blieb offen.
Wer fertige Antworten auf die großen Fragen unserer Zeit erwartet hatte, war sicherlich enttäuscht. Wie genau es mit den vielen Nachhaltigkeitsherausforderungen weitergehen wird, blieb diffus und ging über ein „müsste“ oder „sollte“ nicht hinaus. Auch anwesende Politiker*innen, wie die frisch ernannte Kulturstaatssekretärin aus Baden-Württemberg, blieben unverbindlich.
Wer jedoch Anregungen, Austausch und das gute Gefühl suchte, mit Fragen, Zweifeln und Rückschlägen nicht allein zu sein, war hier richtig. Das Green Culture Festival mag verzichtbar sein – die Auseinandersetzung mit seinen Fragen ist es ganz sicher nicht.