Wie begegnen wir als Zivilgesellschaft diskriminierenden und antidemokratischen Haltungen? Was kann jede*r von uns tun, um für die Demokratie einzustehen? Entlang dieser Fragestellungen organisierte der Kulturrat NRW einen Abend mit Vorträgen und einer Podiumsdiskussion. Impulse kamen vom NRW-Innenminister Herbert Reul sowie Prof. Dr. Beate Küpper von der Hochschule Niederrhein und Co-Autorin der Mitte-Studie. Anschließend diskutierten Heike Herold (Kulturrat NRW / Soziokultur NRW), Thomas Krüger (ehem. Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung), Julian Lagemann (Landessportbund NRW) und Beate Küpper auf dem Podium. Die Veranstaltung wurde moderiert von Anke Bruns.
Vertrauensverlust in die Demokratie
Minister Reul formulierte in einem persönlichen Vortrag seine Sorge um die Demokratie und den Vertrauensverlust in staatliche Institutionen. Zwei Erkenntnisse, so Reul, habe er in den vergangenen acht Jahren sammeln können: Vertrauen lasse sich nur zurückgewinnen, wenn man erstens die Sorgen der Menschen ernst nehme und zweitens in kleinen Schritten an deren Lösung arbeite – und auch über Erfolge spreche, statt sie kleinzureden.
Beate Küpper stellte zentrale Ergebnisse der aktuellen Mitte-Studie vor: Diese repräsentative Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung gibt alle zwei Jahre Auskunft über die Verbreitung, Entwicklung und Hintergründe rechtsextremer, menschenfeindlicher und antidemokratischer Einstellungen in Deutschland. Die aktuelle Studie zeigt: Die Mehrheit der Deutschen ist zwar von der Demokratie überzeugt, aber der Zweifel an ihrem Funktionieren ist auf einem Höchstwert. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit bleibt fest in der Mitte verankert und insbesondere rassistische und antisemitische Aussagen erhalten hohe Zustimmungsraten.
Mit Blick auf die Bekämpfung antidemokratischer Haltungen durch die Zivilgesellschaft unterstrich Küpper, wie wichtig es ist, Angebote der Zugehörigkeit und der Selbstwirksamkeit zu machen. Gerade hier hätten Kultur und Sport viel zu bieten.
Einsatz für die Demokratie in Kunst, Sport und Bildung
Bei der anschließenden Podiumsdiskussion wurde immer wieder deutlich, wie viele sinnvolle Impulse von zivilgesellschaftlichen Initiativen und Engagierten ausgeht. Gleichzeitig wurde klar: Gerade in Kultur und Sport ist Wachsamkeit geboten, denn beide Felder haben auch Rechtspopulist*innen im Fokus, wenn sie versuchen, ihre Narrative und ihr politisches Weltbild zu verbreiten.
Thomas Krüger bemängelte, dass der politischen Bildung nicht die Rolle zugebilligt werde, die ihr zusteht, wenn bspw. ein Großteil der schulischen Bildung von fachfremden Lehrkräften durchgeführt werde. Er setzte hinzu: „Mit den Angeboten der klassischen außerschulischen Bildung erreichen wir nur diejenigen, die bereits politisch gebildet sind.“ Dementsprechend müsse der Fokus viel stärker auf dem digitalen Raum liegen, mit guten Strategien und Formaten in den sozialen Medien.
Heike Herold unterstrich, dass sowohl die Freie Szene im Allgemeinen als auch die Soziokultur im Besonderen aufsuchende Angebote mache und Räume außerhalb klassischer Kultureinrichtungen kulturell bespiele. Im Zentrum stünden dabei fast immer aktuelle demokratische Themen, die mit den Mitteln der Kunst und der Kultur bearbeitet würden. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund sei die vergleichsweise schlechte finanzielle Ausstattung der Freien Szene kaum auszuhalten.
Julian Lagemann wies auf die demokratiebildende Seite des Sports hin: „Ein erheblicher Teil beim Lernen von Demokratie ist, Streit auszuhalten und Aushandlungsprozesse durchzumachen. Das machen wir im Sport!“ Darüber hinaus seien „resiliente Satzungen“ gerade ein großes Thema: „Vereine versuchen, sich vor politischer Unterwanderung zu schützen. Sie nehmen zentrale Werte und Normen in ihre Satzungen auf, damit sie im Zweifelsfall in der Lage sind, einzelnen Personen auch die rote Karte zu zeigen.“
Beate Küpper hielt fest: „Wir haben sehr viel auf der Haben-Seite! Es sind so viele kluge Leute, die sich im Sport, in der Kultur, in der Gesellschaft engagieren. Deren Vernetzung müssen wir vorantreiben, auch um Ressourcen zu bündeln.“
Demokratie ist Verantwortung
Deutlich zu spüren war, dass viele dieser Engagierten im Publikum saßen. Sie meldeten sich mit guten Beispielen zu Wort, sparten aber auch nicht mit Kritik, wenn es bspw. um Sparmaßnahmen bei Bildung, Kultur und Sport ging. Und einige machten deutlich, wie viel dieses Engagment ihnen persönlich abverlangt, wie erschöpfend es ist. Und wie wichtig zugleich.