Der Ringlokschuppen Ruhr feiert vom 26. bis 28.09. seinen 30. Geburtstag – mit einem Programm voller Kunst, Diskurs, Begegnung, Musik und Beisammensein. Wir haben aus diesem Anlass mit Amir Mirzaei, Dramaturg und Mitglied des Künstlerischen Komitees, über kollektive Prozesse gesprochen, über Ereignisse, die prägend waren, und natürlich über die Aktivitäten zum Jubiläum.
Herzlichen Glückwunsch zu eurem 30.! Ihr feiert euer Jubiläum unter dem Motto „WIRzusammen! – Von Chören, Schwärmen und der Kunst des Kollektiven“. Was hat es damit auf sich?
Mit diesem Motto möchten wir zeigen, dass Kunst für uns ein kollektiver Prozess ist, der Menschen zusammenbringt. Wir verstehen uns als Ort der Begegnung: Viele Konflikte entstehen, weil verschiedene gesellschaftliche Gruppen nur Bilder voneinander haben –manchmal sehr negative –, ohne je wirklich miteinander ins Gespräch gekommen zu sein. Man fürchtet sich vor dem, was man nicht kennt. Im Moment der Begegnung aber verschwinden die negativen Gefühle.
Je länger wir in unserem Künstlerischen Komitee über diesen Punkt nachgedacht haben, desto stärker haben wir unseren programmatischen Fokus auf Zusammenhalt und Teilhabegelegt. Ein gutes Beispiel dafür ist die Spielzeiteröffnung. Dort werden Begegnung und Miteinander ganz konkret erlebbar sein: mit Tischgesprächen als offener Gesprächsform, mit Ligna, die gemeinsam mit dem Publikum durch die Stadt gehen und Verbindungen bis nach Yaoundé knüpfen wird, mit der international gefeierten Künstler*in Marta Górnicka, die neue Stimmen und frische Energie mit ihren politischen Sprechchor einbringt, und mit Choreia – Ein Polly Ballet von Cocoon Dance, die in ihren Arbeiten immer wieder die Grenze zwischen Publikum und Performer*innen infrage stellen. Ergänzt wird das durch niederschwellige Formate wie ein Schlafkonzert oder unsere Jubiläums-Party, die Räume für einfaches Beisammensein schaffen. So entsteht eine Balance aus künstlerischem Input und gemeinsamem Erleben.
Kollaboration spielt generell eine große Rolle bei euch. 2024 habt ihr sogar ein Festival im Kollektiv kuratiert. Was schätzt ihr besonders an diese Art der Zusammenarbeit?
Zusammenarbeit bedeutet für uns, Strukturen zu öffnen und Hierarchien abzubauen. Wir wollen Formen finden, in denen das Miteinander spürbar wird – zwischen Künstler*innen und Publikum, zwischen Gruppen aus der Stadtgesellschaft, zwischen Ideen, die aufeinandertreffen. Die Realität ist nicht immer schön – aber wir sind ihr gegenüber nicht machtlos. Gerade im gemeinsamen Tun entsteht die Kraft, Strukturen zu verändern – hin zu einer Gesellschaft, in der die Trennung von Zentrum und Rand, von oben und unten, immer mehr an Bedeutung verliert. Deshalb gibt es bei uns im Haus auch keine einzelne künstlerische Leitung, sondern ein vierköpfiges Leitungsteam: das künstlerische Komitee.
Ihr habt euch als Haus auch immer als Akteur im gesellschaftlichen Diskurs verstanden. Was ist euch dabei besonders wichtig?
Für uns ist es entscheidend, nicht nur Themen zu setzen, sondern auch die Bedingungen dafür zu schaffen, dass Stimmen hörbar werden, die sonst nicht wahrgenommen werden. In Artikel 1 des Grundgesetzes steht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Doch wir wissen, dass diese Würde im Alltag immer wieder verletzt wird – durch Armut, unsicheren Aufenthaltsstatus oder durch offene und versteckte Formen von Diskriminierung, sei es aufgrund von Geschlecht, Herkunft oder anderen Faktoren. Genau hier können wir – und müssen wir – als kulturelle Institution Verantwortung übernehmen: damit Begegnungen tatsächlich stattfinden, Blockaden aufbrechen, mehr Menschen in ihrer Vielfalt sichtbar werden und wir gemeinsam eine Zukunft gestalten, die für alle ein Leben in Würde ermöglicht.
Mich interessieren natürlich besonders eure soziokulturellen Anteile: Versteht ihr euer gesamtes Programm als soziokulturell oder sind es eher einzelne Projekte wie z.B. die Silent University, die im Zeichen der Soziokultur stehen?
Ich weiß gar nicht, wie man in der Kultur arbeiten sollte, ohne zugleich sozial zu arbeiten. In einer Welt, in der alte, elitäre Vorstellungen von Ästhetik an Bedeutung verlieren und das alltägliche Leben immer stärker in künstlerische Ausdrucksformen hineinwirkt, wird das Soziale zu einer untrennbaren Dimension von Kunst.
Der Ringlokschuppen ist seit seiner Gründung vor 30 Jahren der Soziokultur und der Kunst gleichermaßen verpflichtet. Wenn das überhaupt ein Widerspruch ist, dann ein produktiver.
Wenn ich ein Projekt mit besonderem Fokus auf das Soziale hervorheben soll, dann ist die Silent University Ruhr eines der besten Beispiele. Sie feiert in diesem Jahr – parallel zu unserem 30-jährigen Jubiläum – ihr zehnjähriges Bestehen. Sie ist ein herausragendes Beispiel für kulturelle Arbeit, die auf Empowerment setzt. Aber Empowerment ist nicht das Einzige, was die Silent University leistet. Ich lade Ihre Leser*innen ausdrücklich ein, sich mit den Projekten vertraut zu machen – besonders, wenn sie sich für die Verknüpfung von Kunst und Gesellschaft interessieren.
Gibt es mit Blick auf euren runden Geburtstag Ereignisse, die in eurer Erinnerungskultur als Haus einen besonderen Platz haben?
Es gibt viele prägende Momente – künstlerisch wie gesellschaftlich. Besonders wichtig sind für uns jene, in denen das Haus sich als Raum des Miteinanders gezeigt hat: wenn internationale Künstler*innen und lokale Gruppen aufeinandertreffen, wenn ein Projekt in der Stadtgesellschaft nachhallt oder wenn wir merken, dass sich Grenzen zwischen Bühne und Alltag verschieben. Diese Momente bestätigen uns darin, weiterzugehen auf dem Weg eines Theaters, das nicht exklusiv, sondern inklusiv ist.
Herzlichen Dank für diese Einblicke in eure Arbeit. Euch eine tolle Spielzeiteröffnung und viele gute gemeinsame Momente!