Vier Vorstandsmitglieder von Soziokultur NRW über aktuelle Themen, Bündnisarbeit und Perspektiven für die Zukunft

Neun Aktive der Soziokultur aus unterschiedlichen Zentren engagieren sich im Vorstand von Soziokultur NRW. Wir haben mit vieren von ihnen gesprochen – über die aktuellen Themen in ihren Häusern, finanzielle Sorgen, neue Verbündete und ihre Erwartungen an die „Strukturförderung Soziokultur“.

Interview: Inken Kiupel
Fotos: Simon Erath

Was waren in euren Häusern die zentralen Themen, mit denen ihr euch in den Jahren 2024 und 2025 beschäftigt habt?

Wenke Seidel (Bollwerk 107, Moers): Im Bollwerk 107 war die kulturelle Aktivierung von jungen Menschen ein wichtiger Schwerpunkt. Bei uns gab es bspw. erneut einen Freiraum für junge Leute, in dem sie gemeinsam Musik machen und sich treffen konnten. Außerdem haben wir viele Workshops und ein Nachwuchsfestival organisiert, was sehr gut angenommen wurde. Gleichzeitig haben wir versucht, unsere Angebote noch vielfältiger zu gestalten und Menschen aus diversen Communitys zu ermutigen, eigene Ideen und Formate umzusetzen. Wir achten verstärkt auf die Gleichstellung vor allem von FLINTA-Personen. Wir wollen, dass Frauen und queere Personen bei uns gut repräsentiert sind – sei es auf der Bühne, in Workshop- und Empowerment-Formaten, im Team oder bei den Aktiven im Haus.

Sevgi Demirkaya (Kulturbunker Köln-Mülheim): Im Kulturbunker Mülheim haben uns vor allem finanzielle Sorgen auf Trab gehalten. Das Haus ist nicht ausreichend finanziert und die Kommune hat mit einem echten Engpass zu kämpfen. Finanzielle Unterstützung blieb wegen knapper kommunaler Kassen aus. Das war sehr schwierig für uns. Davon abgesehen läuft unser Betrieb natürlich weiter – und das sehr gut. Wir wurden 2024 und 2025 mehrfach für unser Kulturprogramm ausgezeichnet, das hat uns sehr motiviert. Und es zeigt uns: Wir sind auf dem richtigen Weg. Wir erreichen die Menschen in der Stadtgesellschaft und in der Kulturszene.

Kristin Schwierz (zakk, Düsseldorf): Wir haben 2024 und 2025 weiter daran gearbeitet, eine gute Publikumsmischung zu erreichen, sowohl im Kulturprogramm als auch in den Projekten. Das zakk hat unterschiedliche Programmbereiche, die gesellschaftspolitische Themen mit kultureller Bildung organisch verbinden. Letztes Jahr gab es z. B. ein generationsübergreifendes Biografieprojekt, ein Rap-Projekt und ein Stadtteil-Fotoprojekt – alles Dinge, die nah dran sind an der Lebenswirklichkeit von jüngeren Menschen. Wir stellen außerdem kontinuierlich ein gut kuratiertes Kulturprogramm auf die Beine – von absoluten Newcomer*innen bis hin zu bekannten Künstler*innen, die bspw. im Musikbereich sonst viel größere Hallen bespielen. Es ist uns gelungen, sowohl die Künstler*innen als auch das Publikum für dieses breit aufgestellte Programm ins zakk zu holen. Dass das immer wieder klappt, ist toll!

Im Jahr 2024 hat uns auch das Thema Finanzierung stark beschäftigt. Da hat es im zakk richtig gekriselt. Wir konnten dann aber erfolgreich eine deutliche Erhöhung des städtischen Zuschusses verhandeln.

Lukas Hegemann (die börse, Wuppertal): 2024 haben wir groß gefeiert: 50 Jahre Soziokultur und 50 Jahre börse Wuppertal. Wir haben einen Fachtag für Soziokultur NRW organisiert mit 200 Teilnehmenden (siehe Seite 34–37). Das war ein richtig guter fachlicher Austausch, es gab 20 Workshops, eine Podiumsdiskussion mit Vertreter*innen aus der Bundes- und Landespolitik und eine Gala mit Konzert. 2025 haben wir uns intensiv mit dem Thema KI befasst und Künstler*innen, die KI für ihre Arbeit einsetzen wollen, verschiedene Angebote gemacht. Anfang 2027 knüpfen wir daran an und richten ein KI-Festival aus, auf dem neue KI-basierte Kunstformen zu sehen sein werden.

Die Kommunen sind starke Partner der Kultur, geraten aber finanziell immer stärker unter Druck. Spürt ihr das schon?

Sevgi: In Köln ist das massiv zu beobachten. Angesichts klammer Kassen konnte eine Finanzstruktur, die alle Bürgerhäuser bzw. soziokulturellen Zentren zusammen mit der Stadt ausgearbeitet hatten, nicht umgesetzt werden. Wir hatten unsere Finanzlage extern evaluieren lassen, und obwohl die Evaluation eine Unterfinanzierung der Einrichtungen festgestellt hat, ist nun klar, dass wir keine Unterstützung von der Stadt bekommen werden – keinen Aufwuchs, keinen Inflationsausgleich. Das trifft uns hart. Wir suchen deshalb nach neuen Partnern in der Stadt, wie z. B. Stiftungen.

Lukas: Wuppertal ist ähnlich wie Köln in einer relativ schwierigen Situation. Aber ich habe den Eindruck, dass die Kulturpolitik in Wuppertal – und nicht nur hier – insgesamt besser versteht, wie wichtig die freie Szene ist. Im Herbst 2025 wurde z. B. im Kulturausschuss der Stadt ein Antrag verabschiedet, der verlangt, den freien Häusern einen Aufwuchs von 80 % zukommen zu lassen. Auch wenn es so wahrscheinlich nicht umgesetzt wird – es ist ein wichtiges Signal!

Kristin: In Düsseldorf ist ein Neubau der Oper geplant, was einschließlich Zinsen ca. zwei Milliarden Euro kosten soll – die Stadt würde sich hier über Jahrzehnte verschulden. Darüber gibt es in Düsseldorf eine öffentliche Diskussion, in deren Rahmen sich sowohl die Kulturpolitik als auch der Oberbürgermeister klar zur freien Szene bekennen mussten. Die freie Kultur hat daher – wie auch die Clubszene – im Kommunalwahlkampf 2025 eine Rolle gespielt. Und in Gesprächen mit kommunaler Politik und Verwaltung hatte ich das Gefühl, dass uns ernsthaft zugehört wurde.

Wenke: Die Stadt ist für uns immer noch der stärkste Partner, aber Moers geht wieder in die Haushaltssicherung. Der Anteil, der von der Kommune finanziert wird, ist in den letzten Jahren sukzessive gesunken. Inzwischen trägt die Stadt weniger als 30 % zur Gesamtfinanzierung des Hauses bei. Wir haben noch weitere starke Partner in der Stadt, wie Sponsoren, Verbände oder Kooperationspartner. Aber auch sie sind finanziell nicht in der Lage, diese Lücke zu schließen. Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir merken: Wir kommen mit dem bisherigen Konzept nicht mehr weiter. Bis jetzt haben wir versucht, finanzielle Klippen zu umschiffen und unsere Kosten zu optimieren. Aber langsam müssen wir über Einschnitte sprechen.

Gemma: Der Anspruch muss sein, die Demokratie besser zu machen, sie funktioniert ja nicht gut. Sonst würden nicht so viele Menschen sagen, dass sie sich nicht mehr abgeholt fühlen. Die Konsequenz, die nicht wenige daraus ziehen, ist, ein System zu wählen, das die Demokratie beenden will. Und das bedeutet nichts Gutes.

Wohin wendet ihr euch, wenn bewährte Partnerschaften nicht mehr tragen?

Kristin: Es ist wichtig, mit gemeinsamer Stimme zu sprechen, Erfahrungen auszutauschen. Es gibt in Düsseldorf bspw. den Rat der Künste, der für die gesamte Kultur zuständig ist, nicht nur für die freie Szene. Der Austausch ist enorm wertvoll. Darüber hinaus haben wir uns stärker mit weiteren lokalen Kulturakteuren vernetzt. Ich stehe z. B. intensiv im Austausch mit dem Forum Freies Theater (FFT) und dem Tanzhaus NRW. Neben dem inhaltlichen Dialog über unsere Arbeit haben wir auch heikle Themen offen besprochen, beispielsweise die Gehälter fürs Personal der Häuser. Diesen Aspekt haben wir in unseren Gesprächen mit der Kulturpolitik 2024/2025 gemeinsam nach vorne gepusht, denn hier ist viel Druck auf dem Kessel.

Lukas: In Wuppertal bilden sich langsam Bündnisse mit vergleichbaren Häusern. Wir ziehen nicht nur kulturpolitisch an einem Strang, sondern bündeln Dienstleistungen, um Geld zu sparen. Die börse macht jetzt z. B. die Technik für die Färberei mit – ein Zentrum, das selbst keine Techniker*innen mehr hat. Das ist weiter ausbaufähig.

2026 startet mit der „Strukturförderung Soziokultur“ ein neues Förderprogramm von Soziokultur NRW, das stärker in Strukturen denkt als in Projekten. Wo hilft euch diese Förderung, und an welcher Stelle braucht ihr mehr Unterstützung?

Kristin: Der Ansatz hilft dabei, Personalkosten abzufedern. Die laufenden betrieblichen Kosten der Zentren steigen kontinuierlich – und wir müssen daran arbeiten, die Kolleg*innen nicht von der allgemeinen Lohnentwicklung abzukoppeln. Das passiert in vielen Häusern, dagegen müssen wir unbedingt etwas tun. Gerade bei Neueinstellungen – Stichwort Generationenwechsel – ist das Lohnniveau inzwischen ein echtes Problem. Auch in der Soziokultur müssen wir gute Leute finden und binden, das geht ohne eine entsprechende Bezahlung nicht. Wenn es bei den Kommunen keine Aufwüchse gibt oder sogar Kürzungen, ist es viel wert, Mittel wie die aus der Strukturförderung verlässlich einplanen zu können.

Zusätzlich bräuchte es einen stärkeren Fokus auf die Investitionsförderung – auf kommunaler und auf Landesebene gibt es in dem Bereich kaum Förderung. Das ist ein Riesenthema!

Sevgi: Die Strukturförderung hilft uns bei der Finanzierung des Personals. Wir haben seit vielen Jahren die Gehälter und Honorare nicht erhöht, auch nicht nach Corona oder der starken Inflation 2022. Wir waren deshalb an einem Punkt angelangt, an dem wir uns eingestehen mussten: Wenn es so weitergeht, müssen wir uns andere Jobs suchen.

Eine größere Förderung von Investitionen wäre auch für uns wichtig, wir brauchen unbedingt weitere Mittel für das Haus, für die Technik usw.

Wenke: Ich bin sehr gespannt, wie sich die Strukturförderung tatsächlich entwickelt. Das Bollwerk 107 hat über die verschiedenen Programme von Soziokultur NRW früher mehr Geld bekommen als mit der Strukturförderung. Nichtsdestotrotz nehme ich das Geld gern und brauche es auch ganz dringend.

Wir müssen in dieser schwierigen Finanzsituation unbedingt stärker auf unsere persönlichen Ressourcen schauen. Können wir diese Taktung durchhalten, die wir gerade fahren? Nein, das schaffen wir nicht. Eigentlich sind wir permanent über unserem Limit. Wir müssen das Pensum wieder zurückfahren, damit wir gesund arbeiten können.

Lukas: Grundsätzlich passt die Strukturförderung für die börse sehr gut. Wenn wir uns 2026 an die TVöD-Erhöhung halten, müssen wir 750.000 Euro Personalkosten stemmen. Damit sind die 53.000 Euro, die wir aus der Strukturförderung erhalten und die für die Personalkosten im Kulturbereich einzusetzen sind, an der richtigen Stelle – aber es reicht nicht.

Die Frage, wie es mit Angeboten aus der kulturellen Bildung und mit Experimenten aussieht, ist für mich noch ungelöst. Das mit den Geldern der Strukturförderung finanzierte Personal kann natürlich weitere Förderanträge schreiben. Trotzdem muss es irgendwo herkommen, das Geld für die Experimente.

Müsst ihr Abstriche machen bei der Qualität des Programms oder bei der Vielfalt der Angebote?

Sevgi: Ja, wir müssen unser Programm reduzieren. Gerade weil wir viele Veranstaltungen haben, sind wir in finanzieller Not. Denn unsere Workshops, Kurse und Angebote der kulturellen Bildung sind kostenlos oder sehr günstig, damit sie niedrigschwellig sind – so soll es ja auch sein. Aber wenn wir weiter Kosten sparen müssen, bleibt uns nichts anderes übrig, als das Angebot zu verkleinern.

Kristin: Ich würde differenzieren zwischen den Angeboten und dem Veranstaltungsprogramm. Das Programm läuft gut, die Mischung passt, und auch Partys und die Gastronomie im zakk funktionieren. Bei den Angeboten, z. B. in der kulturellen Bildung, braucht man Fördermittel – die kosten Geld, da nimmt man nichts ein.

In der Vergangenheit wurden innovative, auch experimentelle Sachen vor allem durch Projektmittel ermöglicht. Aber auf Bundesebene ist vieles weggebrochen, z. B. beim Fonds Soziokultur, und auch im Land wird gespart. Gleichzeitig ist die Soziokultur in NRW gewachsen, es sind viele Player dazugekommen. Das ist eine positive Entwicklung, aber die Projektmittel sind nicht mitgewachsen.

In der Soziokultur gibt es viele Gestaltungsfreiräume, aber die Strukturen sind labil. Gelingt es euch, neues Personal zu gewinnen?

Wenke: Wir merken gerade sehr die Last, die auf uns als Team ruht. Wir versuchen, mit relativ wenigen Leuten den Laden am Laufen zu halten. Unter dem Druck leiden alle. Das ist meiner Einschätzung nach ein Katalysator, der Menschen dazu bewegt, aus dem System auszusteigen.

Und wir können – im Unterschied zu anderen Branchen – keine guten Gagen oder Löhne bieten. Unsere Arbeitsstellen werden oft für den Berufseinstieg genutzt, um Know-how aufzubauen und sich zu erproben. Und gerade, wenn man denkt: „Jetzt läuft‘s richtig gut!“, gehen die Leute wieder. Es ist unglaublich schade, dass wir diese Menschen nicht halten können.

Kristin: Im zakk gibt es viele Kolleg*innen, die hier schon seit Langem arbeiten, wie in vielen anderen soziokulturellen Zentren auch. Die meisten identifizieren sich stark mit den Läden, in denen sie arbeiten. Gleichzeitig merken wir, dass Stellenbesetzungen schwierig werden können, weil das angebotene Gehalt nicht den Vorstellungen der Bewerber*innen entspricht.

Der Anspruch an eine Professionalisierung ist auch in der Soziokultur stark gewachsen. In den 1970ern bis in die 2000er-Jahre sind viele ein-fach reingerutscht in die Zentren und haben sukzessive mehr Aufgaben übernommen. Es gibt Tausende solcher Geschichten! Auch wenn es diese biografischen Wege noch immer gibt: Viele suchen jetzt gezielt Jobs in dem Bereich, für den sie sich qualifiziert haben. Auch die Zentren halten Ausschau nach entsprechend qualifizierten Mitarbeiter*innen. Aber sie können sie häufig nicht so vergüten wie andere Kultureinrichtungen.

Lukas: Ich glaube, dass man genau diesen Anspruch mit den Mitarbeiter*innen und mit dem Team diskutieren muss. Aus meiner Sicht gibt es im Augenblick auf der Welt nur extrem wenige Orte, an denen man gerne und glücklich arbeiten kann. Das liegt nicht an uns, sondern daran, dass der Zustand der Welt im Augenblick echt mies ist.

Sevgi: Viele Menschen haben gut bezahlte Jobs, die ihnen aber wenig Freude machen. In der Soziokultur arbeiten die meisten aus Überzeugung – und weil ihnen die Arbeit wichtig ist. Wenn die Bezahlung besser wäre, wären die meisten wirklich zufrieden.

Ein schönes Schlusswort – herzlichen Dank für dieses offene Gespräch!

Sevgi Demirkaya ist Geschäftsführerin des Kulturbunker Köln-Mülheim.

Lukas Hegemann ist Geschäftsführer der börse Wuppertal.

Kristin Schwierz ist Geschäftsführerin des zakk, Düsseldorf.

Wenke Seidel ist Geschäftsführerin des Bollwerk 107, Moers.

Dieser Text ist ein Auzug aus dem Jahresbericht 2024/25 von Soziokultur NRW. Er steht zum Download zur Verfügung und kann in gedruckter Form bestellt werden per Mail an lag@soziokultur-nrw.de.