soziokultur

Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultureller Zentren NW e.V.

Unterstützt die Weberei in Gütersloh

23.3.2010 > Offener Brief der LAG NW:

Offener Brief

An
Frau Bürgermeisterin Maria Unger
Stadt Gütersloh
An die im Rat der Stadt Gütersloh vertretenen Parteien
An die Presse in Gütersloh

Betr.: Situation der Weberei in Gütersloh

Sehr geehrter Frau Bürgermeisterin Unger,
sehr geehrte Damen und Herren.

Die Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultureller Zentren (LAG NW), der Zusammenschluss von 66 soziokulturellen Zentren und Initiativen in freier Trägerschaft in Nordrhein-Westfalen (von Jülich bis Emsdetten und von Siegen bis Minden) hat sich eingehend mit der aktuellen Lage vom Mitglied „Die Weberei“ in Gütersloh befasst und sieht die derzeitige Entwicklung mit großer Sorge. Mit diesem Schreiben wollen wir als LAG NW unser Hauptanliegen, nämlich dem Erhalt der Weberei als soziokulturelles Zentrum in freier Trägerschaft verdeutlichen.
Die Weberei war Anfang der achtziger Jahre eines der Gründungszentren der LAG NW und mit seiner Vielfalt und Bandbreite an Angeboten als auch in seiner Organisationsform Vorbild für viele andere Initiativen, die später als Soziokulturelle Zentren in NRW und anderswo entstanden sind. Von daher darf es kein Ende der Soziokultur in der Weberei geben. Der gesellschaftspolitische Schaden, der dadurch nicht nur für die Soziokultur, sondern auch für die Stadt Gütersloh entstehen würde, wäre beträchtlich.

Nun ist das Problem mit der Weberei nicht neu und in den letzten Jahren kam sie immer mal wieder in die Schlagzeilen. Aber das gilt für viele Kultureinrichtungen. Ende der neunziger Jahre war es Peter Vermeulen mit culturplan aus Krefeld, der die Weberei von Grund auf erneuern wollte, nachdem er Anfang der achtziger Jahre das Zentrum mit aufgebaut hat. Vor einigen Jahren gab es nun den Versuch mit PariSozial GmbH, die Probleme in den Griff zu bekommen. Die Trägerwechsel waren nie das Problem und selten die Lösung nicht nur für die Weberei. Trotzdem macht es Sinn, immer wieder die Strukturen zu überdenken und auch zu verändern. Aber was wir aktuell aus Gütersloh erfahren, macht uns stutzig. Im Prinzip soll die Förderung dramatisch gekürzt werden und zwar von jetzt ca. 200.000 Euro auf ca. 90.000 Euro im Jahr 2012.

Und das mit einem Genossenschaftsmodell. Wir haben den Eindruck, dass mal wieder ein neues Modell aus dem Boden gestampft wurde, ohne die eigentlichen Folgen zu beachten. Letztlich ist es mit Nuancen fast egal, ob das ein Verein, eine GmbH oder eine Genossenschaft ist. Es kommt auf die Leute an, die darin arbeiten, welche Verabredungen sie treffen und unter welchen Bedingungen.

Da wird von einer „gastronomischen Perle in Gütersloh“ gesprochen (Herr Markstedt in der Presse). Aber was hat das mit den eigentlichen Aufgaben eines soziokulturellen Zentrums zu tun? Es gibt einige Zentren, die Überschüsse aus diesem Bereich für den gemeinnützigen Teil erwirtschaften, sofern es die steuerliche Einordnung zulässt. Aber darauf basiert ihre soziokulturelle Arbeit nicht. Und ohne Zuschüsse bzw. mit solchen geringen Zuschüssen sind die eigentlichen Aufgaben einer Kultureinrichtung bzw. eines soziokulturellen Zentrums nicht zu machen. Das ist dann nur noch Gastronomie oder Kneipe, die natürlich keine Zuschüsse braucht. Dann muss man das auch als Kneipe benennen und nicht mit einem Genossenschaftsmodell umschreiben, was gar nicht enthalten ist. Wird das in Gütersloh so gewünscht? Was sagen die anderen Gaststätten und Kneipen dazu?

Und ganz merkwürdig wird es, wenn der zukünftige Betreiber meint, der „gewohnte Kulturluxus ist nicht aufrecht zu erhalten.“ Meint er, dass Kultur nur noch in privater Regie möglich sei? Welche Kultur funktioniert so? Musicals? Diese werden oft auch bezuschusst. Private Konzert- und Discoveranstalter? Das sind Discos und die verdienen ihr Geld damit. Das ist auch gut so. Und geht es beim Kulturbereich bald auch nur noch um Billiganbieter und Discounter? Hat die Gesellschaft nicht langsam daraus etwas gelernt?

Was meint Herr Markstedt mit Kulturluxus und sehen das die Ratsparteien in Gütersloh auch so? So wird Stimmung gemacht und das, was vielleicht gut funktionierte und anerkannt war, jetzt als „Luxus“, sprich überflüssig zu titulieren. Gab es denn ernsthafte Kritik an der Arbeit der Weberei? Wenn ja, wurde diese auch mit dem Träger und den MitarbeiterInnen diskutiert?

Und noch eine polemische Frage: Meint „Kulturluxus“ auch das neue Theater in Gütersloh? Oder ist die Zuschusskürzung der Beitrag der Weberei für die zukünftigen Betriebskosten des Theaters?

Eines der Hauptprobleme beim Betrieb der Soziokulturellen Zentren war schon immer die ungenügende finanzielle Absicherung der Zentren. Der Finanzierungsmix war zwar vorbildlich für viele andere Kultureinrichtungen, konnte die Unterfinanzierung aber nur bedingt aufheben. Das sind Dinge und Probleme, die nicht nur die Weberei in Gütersloh betreffen und nach Lösungen suchen, sondern das gilt für viele Zentren und Kultureinrichtungen bundesweit. Die Verbesserung dieser Rahmenbedingungen für Soziokulturellen Zentren gehört zu den Kernaufgaben der LAG NW.

Im Schlussbericht der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ (Deutscher Bundestag, Drucksache 16/7000, 16. Wahlperiode 11. 12. 2007) heißt es: „Soziokulturelle Zentren sind Häuser und Begegnungsstätten, die – generationenübergreifende und interkulturelle – Kulturprogramme und Angebote im Bereich Musik, Theater, Kunst, Kunsthandwerk, Film etc. anbieten. Sie dienen der Förderung kreativer Eigentätigkeit und kultureller Kompetenz, indem sie zwischen professioneller Kunstproduktion und dem künstlerischen Schaffen von Laien vermitteln.“ Schlussbericht der Enquete-Kommission.“

Und in den dazugehörigen Handlungsempfehlungen wird vermerkt: „Die Enquete-Kommission empfiehlt den Ländern und Kommunen, soziokulturelle Zentren als eigenständigen Förderbereich in der Kulturpolitik zu identifizieren, zu institutionalisieren und weiterzuentwickeln. Sie empfiehlt darüber hinaus, die besonderen Erfahrungen soziokultureller Zentren zum Beispiel im Hinblick auf Interkulturalität, Teilhabechancen und Einfluss auf die Lebensqualität auszuwerten und daraus gegebenenfalls Handlungsempfehlungen für andere kulturelle Bereiche zu entwickeln.“

Wir appellieren daher an die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung der Stadt Gütersloh, alles in ihren Kräften stehende zu tun, um den Weiterbestand der soziokulturellen Nutzung der Weberei im beschriebenen Sinne zu gewährleisten. Auch für die LAG NW ist die „Fortführung der soziokulturellen Arbeit mit all ihren kulturellen, pädagogischen, sozialen und gesellschaftlichen Dimensionen“ von elementarer Bedeutung. Uns ist es wichtig, das die Soziokultur, die inhaltliche Arbeit, die Angebote in dieser Stadt, in diesem Stadtteil und für diese Stadt, für diesen Stadtteil und für die ganze Region auf dem Gelände fortgeführt wird und auch Neuentwicklungen möglich machen. Das darin die Bewertung der Fehler aus der Vergangenheit dazu gehört, um diese für ein zukünftiges Konzept zu vermeiden, ist sicherlich notwendig.

Wir würden es begrüßen, wenn die LAG NW als Interessenverband für die Soziokulturellen Zentren wie in den vergangenen Jahren in den weiteren Prozess eingebunden wird. Die LAG NW bietet ihre Kompetenz und Fachwissen bei der Entwicklung der Konzepte für die Weberei und für die Fortsetzung einer fundierten soziokulturellen Arbeit an.

Mit freundlichem Gruß
Rainer Bode
Geschäftsführer der LAG NW

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