soziokultur

Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultureller Zentren NW e.V.

„Freiräume für Bewegung“

15.2.2010 > Düsseldorfer Manifest

„Kulturstadt Düsseldorf“ - mit diesem Slogan positioniert sich unsere Stadt europaweit alsKunst- und Kulturmetropole. Mit stolzer Brust werden nach dem Kulturreport 2008 ca. 104 MillionenEuro im Jahr für Kultur ausgegeben. Die zahlreichen Museen, die Oper oder die Tonhalle dienenals Aushängeschild. Regelmäßige Großevents wie der Ski Weltcup, die DTM-Präsentation oderder Japantag machen die Stadt besonders für Touristen interessant. Durch die Förderung der sogenannten „weichen Standortfaktoren“ versucht die Stadt in der Konkurrenz zu anderen Städten zubestehen. Dabei wird Kultur vornehmlich reinen Vermarktungsaspekten untergeordnet. Wer diesenicht erfüllen kann oder will, dem bleibt die Flucht (nach vorne) - oder ein schimmelbefallenerProberaum. In dieser Stadt herrscht ein Kulturverständnis, das viele Kulturschaffende ignoriert.Im Kampf um die stärksten Investoren und die finanzkräftigsten BewohnerInnen verkauft sichDüsseldorf als massengerechtes Modeereignis - Hauptsache es glitzert!

Der verbliebene Freiraum wird mit Einschränkungen und Verboten reglementiert. Dasöffentliche Leben wird dadurch kontrolliert und in seinen Möglichkeiten beschnitten. LeerstehendeFlächen und Gebäude werden möglichst schnell an Investoren verkauft, egal ob für den hundertstenBüroturm oder für das X-ste Einkaufszentrum. Die politische Führung der Stadt scheintStadtentwicklung nicht mehr als Stadtpolitik zu begreifen, sondern die Kriterien des freien Marktesgegen jegliche Bestrebungen einer sozialen Stadt für ALLE klar vorzuziehen - dabei spielt es keineRolle, dass billiger Wohnraum fehlt und dass Düsseldorf in Zukunft massive Wohnungsnot droht.Prozesse gezielter Aufwertungstendenzen in Stadtteilen wie Unterbilk, Hafen oder Flingern habendie Verdrängung nicht kaufkräftiger Schichten und alternativer Kunst- und Kulturrefugien zurFolge. Diese Kollateralschäden werden billigend in Kauf genommen.

Wem gehört die Stadt?

Abseits der etablierten Kunstpaläste, Kulturhäuser und der kommerziellen Masseneventsgibt es in Düsseldorf eine große, lebendige und vielseitige Szene in kreativen Freiräumen und selbstbestimmtenStrukturen. Wir betreiben alternative Galerien, veranstalten Konzerte, Lesungenoder Vorträge; wir stellen Kunst und Mode her - wir machen Kultur! In unseren Lokalen sieht mandie neuen KünstlerInnen, hört Musik-Acts oder verbringt einfach einen netten Abend abseits der„Längsten Theke der Welt“.

Wir ahnten es schon lange, jetzt wissen wir es: wir sind hip und interessant!Touristenbusse schauen sich in Führungen über die Kiefernstraße unser alternatives, „buntes“Leben an; Kunstvereine wie Damen und Herren und Brause werden in der Brigitte oder im Merianals „coole OFF-Locations“ angepriesen. Auch die Stadt Düsseldorf schmückt sich zuweilen mit dieserwachsenden Szene, wo sie das Image der bunten und jungen Metropole braucht: Bei der jährlichenNacht der Museen sollen die frischen, kleinen, subkulturellen Etablissements einen „frechen“ Gegenpolzum etablierten Kulturbetrieb markieren. In dieser Nacht dürfen sie - ja sollen vermeintlichsogar - ruhig mal über die Stränge schlagen! Für schlappe 11 Euro ein paar Stunden wilder Subkultur-Zoo für alle - powered by Ernst&Young und dem Stadtmarketing. Seltsam: An den übrigen 364Tagen im Jahr lassen sich die Verantwortlichen höchstens in Vertretung des OSD blicken. Und zwarregelmäßig. Durch unhaltbare Vorwürfe, immense Bußgelder und andere Einschüchterungen werdenden soziokulturell engagierten Vereinen, Gruppen und Einzelpersonen bewusst Steine in denWeg gelegt.

Wir haben es satt, in unserem kreativen Handeln behindert zu werden! Düsseldorf ist nichtnur die Stadt der Reichen, der Kö-ModedesignerInnen und der finanzkräftigen Investoren.Düsseldorf ist unsere Stadt - die Stadt von denen, die hier leben; von alternativen KünstlerInnen;von Menschen, die ihre Kultur und ihr Leben selber gestalten; von Personen, die selbstbestimmtsein und arbeiten wollen! Der Handel freut sich über die Massen an Touristen und die Stadt zähltdie Gewerbesteuereinnahmen - während wir für unser Recht auf Selbstverwirklichung und um dasÜberleben unserer Freiräume kämpfen müssen. Aber es ist unsere Stadt!

Who's streets? Our streets!

Wir verteidigen die wenigen geeigneten und bezahlbaren Proberäume, Ateliers und anderenFreiräume. Sie sind hier nämlich genauso rar wie Veranstaltungsorte, die nicht in erster Liniedem Konsum und Umsatz oder der so genannten Hochkultur dienen. Während für die Behebungeines Missklangs im Dach der Tonhalle astronomische Summen aufgebracht werden, fehlt vergleichsweiseKleingeld für die Schallisolierung eines kleinen Konzertraums.

Ausgeschilderte Werbeflächen, Strafen für wildes Plakatieren, steril sanierte Grünflächen,Musizierverbot, Vertreibung Unliebsamer, Privatisierung - der öffentliche Raum in Düsseldorfunterliegt immer mehr den Regeln des freien Marktes. Die wenigen gerne frequentierten Flächenwerden außerdem zunehmend überwacht. Die Straßen, Plätze und Parks gehören aber uns allen!Und das wollen wir bewegen! Denn gerade die kulturelle und die soziale Mischung muss erhaltenwerden. Wir wollen unsere öffentlichen Freiräume behalten und selbst gestalten, ohne dass dabeiBevölkerungsgruppen gegeneinander ausgespielt werden. Düsseldorf ist mehr als ein (guter oderschlechter) Standort!

Immer mehr Menschen verlieren aber den Anschluss an das soziale und kulturelle Lebenin der Innenstadt. Die Anzahl der Sozialwohnungen sinkt, es gibt in Flingern und Bilk kaum einWG-Zimmer unter 350 Euro. Arme, Alte und MigrantInnen sind gezwungen an den Stadtrand zuziehen. Wegen der hohen Kosten für die öffentlichen Verkehrsmittel verlieren diese Menschennicht nur ihren zentralen Wohn- und Arbeitsplatz, sondern auch die Teilhabe am öffentlichenLeben. Wer sich diese Veränderung nicht leisten kann, muss gehen, oder?

Nur durch politische Selbstbestimmung, konkrete Mitgestaltung und aktive Teilnahme kann sichdie Stadt zu einem lebenswerten Ort für alle entwickeln. Wir wollen Kultur und Leben selbst organisierenund eigene Orte gestalten - für uns und für alle. Durch die Aneignung unseresLebensraumes soll das Leben schöner werden und gleichzeitig dem Konsumkult etwas entgegensetzt.Die Gestaltung der eigenen Umwelt verbinden wir mit politischen Ideen. Wir wollen unsereKreativität nicht für eine Standortlogik verkaufen, sondern unsere Dinge tun, wie und wo wir esfür passend halten! Alle sind eingeladen, an unserer Stadt teilzuhaben!

Wir fordern das legitime Recht auf unsere Stadt! Unsere Stadt liegt inmitten der offensichtlichenStadt. Unsere Stadt ist abwechslungsreich, kreativ, bunt und innovativ und bildet einen Kontrastzur standardisierten Franchise-Innenstadt. Wir sind schon lange hier, aber jetzt rufen wir eineBewegung ins Leben! Wir sind MusikerInnen, MalerInnen, DesignerInnen, MedienkünstlerInnen,VeranstalterInnen, PolitaktivistInnen etc.- wir begreifen uns als Teil einer bundesweiten Bewegung,die aktuell in mehreren deutschen Großstädten entsteht und ihr Recht auf Freiräume, Gestaltungund Selbstbestimmung - kurz: auf ihre Stadt - einfordert.

Freiräume für Bewegung
Zusammenschluss der freien Kulturszene Düsseldorf
info@freiraum-bewegung.de
www.freiraum-bewegung.de

> KULTURPOLITIK NRW > ARCHIV

zentren

weitere